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Schnee, Schnickschnack, Spannung, Seoul - auf nach Südkorea

  • Autorenbild: Louis Heinis
    Louis Heinis
  • 22. Feb.
  • 8 Min. Lesezeit

"Seid ihr nicht die Bollerwagen around the world- Familie?" fragte uns vor ein paar Tagen eine Frau auf einem Indoorspielplatz in Sinsheim (Deutschland). 


Jawohl. Wir sind die Verrückten.

Was sagt man dazu? Vor ein paar Wochen stand die Entscheidung an, ob wir die Homepage bzw. den Blog weiter betreiben, oder die Geschichte gut sein lassen und stilllegen. Es gab so viele Momente, in den letzten Monaten, in denen ich absolut keine Lust hatte, irgendetwas von unserem Leben preiszugeben. Eigentlich geht es ja niemanden etwas an. Lassen wir das "Eigentlich" weg. Unter dem Radar fährt man besser. Seit Monaten hadere ich mit mir selbst. Schreiben? Nicht schreiben? Doch wozu das Ganze? Wen interessiert das eigentlich, was wir irgendwo am anderen Ende der Welt machen? Lass gut sein, Louis. Dazu kommt, und da bin ich mir sicher, dass der eine oder andere hier definitiv ohne gute Absichten mitliest und insgeheim viel Verachtung für mich, uns und unser "Bollerwagen-Tourchen" hegt. Wofür also diesen Aufwand betreiben? Legen wir die Seite still. Doch ehrlicherweise wäre es irgendwie auch schade. Dieser Blog ist eine tolle Erinnerung für uns. Eine aufwändige Erinnerung. Aber dennoch etwas Schönes. Und wie sich herausstellte, und das hatte ich so nicht auf dem Schirm und kam absolut unerwartet, dient diese Reise wohl immer noch als Unterhaltung, Inspiration und Gesprächsstoff für so manch andere. "Unbedingt weiterschreiben und berichten“, bat mich die nette Dame. Liebe Grüße, so soll es sein ;-)

 

Die Reise nach Seoul ist schon über ein Jahr her. In der Zwischenzeit ist natürlich einiges passiert. Wir sind zwar wieder in Deutschland, dennoch und so viel sei gesagt, ist unsere Reise noch nicht beendet. Aber eins nach dem anderen. Mit ein bisschen Abstand zu dieser bislang verrückten Reise, melde ich mich nun mit dem nächsten Kapitel.


29.11.2024 – Ankunft in Seoul

04.12.2024 – Abflug nach Frankfurt


Ein paar Tage in Südkorea zum Abschluss eines aufregenden Jahres in Asien lagen vor uns. Ein Wochenende in der Hauptstadt. Ein bisschen koreanisches Essen, ein paar neue Eindrücke sammeln – bevor es zurück nach Deutschland ging. Nach über acht Monaten unterwegs klang das nach einem überschaubaren, fast schon gemütlichen Abschluss einer wilden Zeit. Der Bollerwagen bollerte also gemütlich durch Seoul. Doch wie so oft auf dieser Reise kam es erstens anders und zweitens als man denkt. Bereits einen Tag vor unserem Abflug aus Hiroshima meldete Seoul einen Schneerekord. So viel Schnee hatte es in der südkoreanischen Hauptstadt seit Jahrzehnten im November nicht mehr gegeben. Flüge wurden gestrichen, Verbindungen fielen aus, die Nachrichten sprachen von Chaos.


Es sollten nicht die einzigen chaotischen Zustände bleiben.

 

Wir waren auf unserer Reise auf vieles vorbereitet – Hitze, Improvisation, spontane Routenänderungen. Aber Winter? Irgendwie nicht. Dass es Ende November natürlich kalt werden kann, ist nicht überraschend. Doch der Winter rückte nach all den Monaten im Warmen für uns in weite Ferne. Wir haben schon in Japan bei erschwinglichen Temperaturen gefroren. Seoul würde uns wohl wieder in die Realität zurückführen. Und die Realität hatte es in sich. Wir haben in Japan überraschenderweise keine wintertauglichen Schuhe für die Kinder gefunden. Wir waren zwar mit Thermounterwäsche, Mützen, Pullovern, Handschuhen, dicken Socken und Decken, eben allem, was wir in Japan finden konnten, bereit, der Kälte entgegenzutreten. Doch war es der erste Winter ohne Winterschuhe für die Kinder. Improvisieren war angesagt. Die Zeit von Schlappen und Oberkörperfrei am Strand schwitzen war nun definitiv vorbei. Mehrere dicke Socken anziehen und sich einkuscheln im Bollerwagen waren der Plan, um die Tage in Seoul zu überstehen.




Wir warteten im Hotel neben dem Flughafen in Hiroshima auf besseres Wetter.


Doch noch war es nicht so weit. Am Flughafen in Hiroshima stellten wir uns darauf ein, noch ein paar Nächte in Japan zu bleiben. Wir schmiedeten schon verschiedene Pläne: Plan A stand auf der Kippe. Plan B, C und D mussten her. Sollten wir auf alles pfeifen und irgendwohinfliegen, wo es warm ist? Doch den bereits gebuchten Rückflug nach Deutschland von Seoul aus, einfach sausen zu lassen, wäre schlicht zu teuer gewesen. Also blieb eigentlich nur eine Option: Irgendwie nach Seoul kommen. Wir hatten Glück, unser Flieger hob am nächsten Tag wie geplant ab. Spät abends landeten wir schließlich am „Incheon International Airport“. Von dort ging es per Privattransfer in ein Airbnb nahe dem Fernsehturm im Centrum. Die Fahrt dauerte ungefähr eine Stunde. Etwas, was zur bitteren Reiserealität dazugehört, ist, dass die Distanzen vom Flughafen zur Innenstadt oftmals weit sind. So auch in Seoul. Wir waren müde, hungrig und ziemlich durchgefroren. Während der Rest der Familie nach der Ankunft im Zimmer blieb, machte ich mich noch einmal auf den Weg. Etwas zu essen musste her. Also schlich ich kurz vor Mitternacht durch die Gassen von Seoul.

 

„Ab auf die Jagd.“ Manchmal hatte diese Reise schon Steinzeitcharakter. Frau und Kinder waren in der Höhle. Der Mann musste Fleisch besorgen.

 

In der Umgebung hatte um diese Uhrzeit kaum noch etwas geöffnet. Ich landete schließlich in einem Restaurant, bestellte frittiertes Hähnchen (für die Kinder) und irgendwelche Nudeln – mehr nach Gefühl als nach Wissen.

 



Bis heute rätseln wir, was wir da gegessen haben. Wir werden es wohl nie erfahren.

 

Der nächste Tag verlief, wie geplant, ruhig. Kein großes Sightseeingprogramm, keine straffe Zeitplanung. Wir zogen einfach planlos durch die Stadt und schlenderten durch einige Viertel. Zwischendurch wärmten wir uns immer wieder in verschiedenen Läden und im Starbucks auf. Wir ließen uns einfach treiben. Wir "bollerten" durch Seoul. Seoul ist sauber. Sehr sauber. Und voll mit Beauty-Shops. Wirklich voll. Wer Gesichtscremes, Masken, Seren oder Augen-Patches sucht, ist hier definitiv richtig. An jeder Ecke neue Versprechen für schönere Haut, frischeres Aussehen und ewige Jugend. Nebst den zahlreichen Beautyboutiquen besuchten wir auch zahlreiche „Krimskrams-Läden“. Überall konnte man Geld für verrückte Souvenirs, Schnickschnack / Gadgets (welche kein Mensch braucht) ausgeben. Bunte Lichter, K-Pop-Fan-Shops und zu arg geschminkte Menschen zierten das Straßenbild.




Eindrücke einer bunten Stadt. Wir mischten uns unter das Volk.


Kulinarisch bietet Südkorea auch einiges. Korean BBQ. Anfangs ist alles superlecker. Dieses leicht süße Fleisch, perfekt gegrillt, dazu die vielen leckeren Beilagen. Doch nach dem dritten BBQ kommt der Punkt, an dem man merkt: Es ist immer süß. Und irgendwann widersteht es einem einfach. Trotzdem: Korean BBQ ist ein Erlebnis und macht Spaß. Vorallem die Kinder hatten Freude. Streetfood ist übrigens auch häufig zu finden in Seoul. Allerdings machte das bei dieser Kälte nicht wirklich Spaß, draußen zu essen. Zwischen dem ganzen Essen und dem Durch-die-Straßen-Bummeln passierte nicht viel. Wir waren hauptsächlich im Myeong-Dong-Viertel unterwegs. Ein belebtes Einkaufsviertel, welches für viele kleine Karikatur-Shops bekannt ist. Irgendwann konnten wir nicht widerstehen und ließen uns, typisch für Seoul, auf den Spaß ein.




Eine Erinnerung für die Ewigkeit im Myeong-Dong-Viertel.


Was für ein Kunstwerk. Wie man auf dem Bild klar erkennen kann, hatte Enaila keine Freude daran mitzumachen. Der ganze Spaß dauerte keine 5 Minuten, muss man dazu noch erwähnen. Aber so ist das mit Kindern. Wie sagt man so schön? Kinder sind etwas schönes. Sie geben einem so viel (und nehmen einem alles). Aber hey, es hat sich gelohnt. Mein zartes Näschen wurde auf jeden Fall gut in Szene gesetzt. Ein gefundenes Fressen für den Künstler. Ich bin also ein Mix aus Taliban und Einbrecher aus dem Film „Kevin allein zu Hause“. Generell sehen wir aus, als hätten wir gerade eine Bank ausgeraubt. „Familien-Mugshot à la Seoul-Karikatur". Ein Meisterwerk aus Südkorea :-)


„Kunst liegt bekanntlich im Auge des Betrachters“. Sagte der Taliban mit der „Penis-Rutschbahn“ im Gesicht.




Viel mehr gibt es nicht zu berichten. Im Vorfeld hatte ich mir Südkorea übrigens ganz anders vorgestellt. Ich kam mit der Erwartung, das absolute Beauty- und Mode-Mekka zu besuchen. Die Südkoreaner gelten schließlich als extrem schönheits- und modebewusst. Eine Kosmetikindustrie. Naja. Ok, es gibt ein Schönheitsbewusstsein bezüglich der vielen, vielen „Beautyshops“. Das war wirklich zu erkennen. Die Menschen waren ähnlich wie in Japan, gut / ordentlich gekleidet (besser als in Deutschland). Aber dennoch war etwas auffällig.


Ein bekanntes Sprichwort besagt: „A fish can’t leave water“.

Viele Menschen mit zu vielen Make-Up-Schichten waren unterwegs. Das ist jetzt ein bisschen übertrieben, aber ich musste oft an eine Simpsons Folge denken. Da versuchte sich „Homer“ als Erfinder und erfand die „Schminkflinte“. Er demonstrierte das ganze an seiner geliebten Frau, „Marge“. In Seoul haben wir viele Damen gesehen, die wohl auch eine Schminkflinte benutzen.




Links ein KI generiertes Bild. So habe ich mir die Menschen in Seoul, Social Media sei Dank, vorgestellt.

Rechts die Realität.


Die echte Welt hat definitiv nichts mit Social Media zu tun. Wie sehr werden wir nur von Social Media geblendet. Das ist ein großes Problem. Gerade jüngeren Menschen, welche damit nicht umgehen können, wird ein Weltbild suggeriert, welches schlichtweg nicht der Realität entspricht. Diesbezüglich, so denke ich, kommen noch viele, viele Probleme auf unsere Gesellschaft zu. Im angeblichen Beauty- und Mode-Mekka Seoul jedenfalls, gab es wenige Topmodels zu sehen, sondern ganz normale Menschen (oft jedoch mit zu viel Make-up :-) Was wir allerdings als positiv wahrnahmen, war der sehr angenehme generelle Umgang miteinander. Freundlich, respektvoll, aber nicht übertrieben. Kein dauerhaftes Verbeugen und Lächeln wie in Japan – sondern einfach normal. Das fühlte sich gut an. Daumen hoch. Die Kälte schränkte uns jedoch wirklich ein. Vieles, was man draußen hätte machen können, fiel weg. Irgendwann beschlossen wir, es einfach zu akzeptieren. Es ist, wie es ist. Und es war okay. Nach acht Monaten durch Asien „bollern“ waren wir gedanklich sowieso schon in Deutschland. Doch am Abend vor unserem Abflug wurde es dann noch einmal richtig spannend. Wenn man reist, kann vieles passieren. Die meisten denken immer direkt an gesundheitliche Probleme, oder Unfälle. Was man allerdings weniger auf dem Schirm hat, wenn man nicht gerade nach Timbuktu reist, sind die politischen Umstände. Diese können sich schnell verändern. Seit dem Koreakrieg in den 50er Jahren, herrscht ein Spannungszustand zwischen Nord- und Südkorea. Militärische Provokationen des isolierten Nordens sind gang und gäbe. Wo wir uns befanden, war uns klar. Dennoch rechneten wir nicht damit, dass plötzlich der Bär steppte. Am Abend vor unserer Ausreise rief der südkoreanische Präsident gegen den Willen des Parlaments das Kriegsrecht aus. Die Nachrichten überschlugen sich weltweit. Chaos in Seoul. Wer nur die Bilder sah, hätte denken können, Kim Jong-un steht vor der Stadt und die Party steigt. Vor Ort? In Seoul? Nichts. Stille. Tagsüber Proteste vor dem Parlament – sonst lief alles erstaunlich ruhig weiter. Nebst plötzlichen Warnungen auf dem iPhone (das war „creepy“) und vielen Nachrichten von Freunden und Familie haben wir nicht viel mitbekommen. Was war genau passiert? Am 3. Dezember 2024 rief Präsident Yoon Suk-yeol in einer nächtlichen Ansprache das Kriegsrecht aus. Er warf der Opposition staatsfeindliche Aktivitäten und Nähe zu Nordkorea vor. Noch in derselben Nacht stimmte das Parlament einstimmig für die Aufhebung. Die politische Krise zog sich bis 2025, Yoon wurde später des Amtes enthoben, Neuwahlen folgten. Zugegeben: Als wir diese Nachrichten spät abends in der Unterkunft sahen, hofften wir einfach nur auf eine schnelle Ausreise. Um 5 Uhr morgens ging es dann los zum Flughafen. Seoul war ruhig. Verschlafen. Das Leben in der Millionenmetropole ging ganz normal weiter. Uns war das jedoch alles egal. Nichts wie weg hier. Dann war es so weit. Nächster Stopp: Deutschland.


„Schlaaaand, schlaaand“! Brezeln, Laugenstangen, Spätzle, Maultaschen, Döner – wir kommen :-)

Vierzehn Stunden Economy Class lagen vor uns. Juhu. Nach über acht Monaten Reisen freuten wir uns jedoch auf einen kurzen Stopp in Deutschland. Doch wieso? Wieso zurück nach Deutschland? Ich habe Luan nach fünf Monaten Dauerschwitzen in Asien ein Versprechen gegeben. Ich versprach ihm, dieses Jahr noch einen Schneemann zu bauen. Zeit, dieses Versprechen einzulösen. Außerdem stand Weihnachten vor der Tür. Deshalb sind wir quasi um die halbe Welt geflogen. Es wurde ein kurzer, unvergesslicher "Abstecher", bevor die Reise in der Ferne wieder weiterging.


Nun noch ein kurzes Fazit zu Südkorea, bzw. zu Seoul. Viel können wir, wenn wir ehrlich sind, nicht bewerten. Es war ein kurzer Stopp. Eine Reise durch Südkorea wäre bestimmt spannend. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass auch das nicht die familienfreundlichste Reise geworden wäre bzw. wird. Zusammengefasst kann man sagen, dass wir kurz in den koreanischen Alltag, der Hauptstadt, eintauchen konnten. Punkt. Das war’s. Zu wenig, um zu beurteilen. Dazu kam das kalte Wetter, welches den Kurztrip erschwerte. Der Schnee war zwar größtenteils weg, als wir ankamen. Dennoch war es sehr kalt. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass wir hier noch so viel zu entdecken hätten. Es war jedoch auch nicht unangenehm. Seoul als Familie kann man machen. Muss man aber nicht unbedingt.

 

 

 
 
 

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